Einbeziehung von Erfahrung

Während meiner Zeit in der Tagesklinik habe ich 2019 erfahren müssen, wie wenig Erfahrung als wertvolles Wissen in die Behandlung einbezogen wird. Da kommen die jungen Damen und Herren frisch von der Uni und denken, sie alleine hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen. Teilweise wird sich auch noch hingestellt und damit geprahlt, dass man alle Skills selbst an sich ausprobiert hat. Also habe man Erfahrung.

 Ich weiß nicht, wie das so an den Universitäten heute abgeht. Aber wenn da die Professoren im gesetzten Alter immer noch lehren, dass alleine das zählt, was die Sudenten an der Uni von ihnen, den weisen Profs, lernen, dann wundert mich gar nichts mehr. Eigene Erfahrung der Patienten oder Klienten wurde in der Einrichtung, in der ich war, mit einem Handzeichen weggewischt. Krass war dann allerdings, dass es wenig später hieß, man solle sich beteiligen und mitwirken, denn das eigene Erleben sei wichtig. Auch als Hilfe für die Anderen.

Für mich ist das inkonsequent und zeugt nur von der Angst seine Machtposition beziehungsweise seine Daseins-Berechtigung zu verlieren.

Es ist vollkommen ok, wenn man nicht alles weiß. Man kann nicht alles wissen! Es ist aber sehr schwer, sich dies einzugestehen. Und gerade daher zeugt es von Stärke und auch Anerkennung, wenn man als studierte Fachkraft sagen kann: "ich weiß das alles nur theoretisch, denn ich hatte keine Depressionen (oder was auch immer). Aber der junge Mann/die junge Frau hier weiß wie sich das anfühlt und wird davon berichten.

Auf einem Vortrag zum Thema Depressionen durfte ich das erfahren: ich hatte mich mit der Veranstalterin im Vorfeld abgesprochen, dass ein Bericht vom Erleben und Erfahren einer Depression doch ganz passend sein kann und so lud mich die Veranstalterin zu ihrem Vortrag ein und räumte mir ein wenig Zeit ein um "aus der Praxis" zu berichten. Selten haben die Menschen so gebannt zugehört.

In der Arbeit als Genesungsbegleiter erlebte ich eine Situation, da war ich mit einem Kollegen  und einer Fachkraft in einem Aufnahmegespräch für einen Anwärter als Klient. Völlig verschlossen und eingeschüchtert saß der arme Mensch uns gegenüber und beantwortete die Fragen. Als die Frage auf die Ernährung kam, antwortete er: "Hauptsächlich Haferflocken. Anderes schaffe ich meist nicht." Mein Kollege und ich schauen uns an und sagen: "Das kennen wir. So war das bei uns auch." Diese kleine Sequenz hat so viel bei dem Bewerber ausgelöst, dass er nach einer kleinen Pause ein völlig anderer Mensch war. Und wenn wir uns heute auf der Straße begegnen, dann bedankt sich der junge Mann heute noch für unsere Anwesenheit.

Dies sind nur zwei kleine Beispiele dafür, wie wichtig Erfahrungswissen sein kann. Eine Reihe von Menschen hat das vor mehr als 30 Jahren erkannt (unter ihnen auch Thomas Bock und Dorothea Buck) und kämpfen  und kämpften seither für die Einbeziehung von Psychiatrie-Erfahrenen in die Behandlung.

Durch ihre Erfahrung und ihre subjektiven Erlebnisse mit ihrer Erkrankung, aber auch mit ihren Erlebnissen in der Behandlung können Genesungsbegleiter verschiedene Positionen einnehmen: Brückerbauer zwischen Patient und Behandler; Übersetzer; "Türöffner"; erste Vertrauensperson in der neuen Umgebung der Psychiatrie, und so weiter.


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